Best-Practise Beispiel Arnsberg: Breitbandausbau in Gewerbegebieten mit NGA-Netzen, Ausbau in Wohnvierteln und Vernetzung des Klinikums
Die Stadt Arnsberg hatte schon vor der Durchführung des Breitbandprojekts eine mehrheitlich gute Breitbandversorgung in den Wohngebieten, insbesondere durch eine weitgehende Abdeckung mit dem Kabel-TV Netz von Unitymedia. Mit der Umstellung auf den Standard DOCSIS 3.0 ist damit in weiten Teilen der Stadt eine Bandbreite von 128 MBit/s im Downstream verfügbar. Bürgermeister Vogel hat nach der Zuweisung der Mittel aus dem Konjunkturpaket II entschieden, einen Großteil für den weiteren Breitbandausbau im Stadtgebiet einzusetzen, um bestehende Versorgungslücken in der Kernstadt zu beseitigen und die Gewerbegebiete mit zukunftssicherer Bandbreite auszustatten.
Im Gebiet der Kernstadt sind nur noch zwei kleinere Wohngebiete schlecht versorgt mit deutlich unter 1 MBit/s. Da diese Gebiete recht klein sind und umgeben von durch Unitymedia gut versorgten Regionen, war es absehbar, dass es schwierig wird, einen anderen Betreiber für einen Ausbau zu gewinnen. Andererseits ist ein Ausbau mit einem Kabel-TV Ansatz teuer, da in jede der zu versorgenden Straßen über Tiefbauarbeiten Koaxialkabel verlegt werden müssen.
Die Stadt Arnsberg beherbergt eine ganze Reihe von Gewerbegebieten. Da Gewerbegebiete in der Vergangenheit von Kabel-TV Anbietern mangels eines passenden Dienste-Angebotes nicht versorgt wurden, ist auch in den meisten Gewerbegebieten in Arnsberg die Breitbandversorgung unzureichend.
Mit dieser Ausgangslage wurde das Breitbandprojekt gestartet und STZ-Consulting mit der Begleitung beauftragt. Für STZ-Consulting hat Dr. Kaack die Projektleitung übernommen und zusammen mit dem Projektleiter der Stadt zunächst ein Konzept für die Umsetzung erarbeitet, in dem konkrete Einzelmaßnahmen definiert wurden. Da sich in der zuvor durchgeführten, allgemein gehaltenen Markterkundung keine Betreiber mit konkreten Konzepten gemeldet haben, wurde zunächst Workshops mit interessierten Betreibern durchgeführt, um Interessen und Voraussetzungen für einen Ausbau zu klären. Hierfür wurden Informationen über die Struktur der Unternehmen (z.B. Branche, Größe) zusammengestellt und das Vorhandensein von gegebenenfalls nutzbarer Infrastruktur in den Gewerbegebieten überprüft. Auch die Möglichkeiten für die Zuführung der Bandbreite in die einzelnen Gebiete über vorhandene Infrastrukturen wurden analysiert. Diese Schritte waren notwendig, um nach Möglichkeit einerseits die Kosten für einen Ausbau zu reduzieren und andererseits die Attraktivität für den Breitbandausbau aus Sicht des Netzbetreibers zu steigern.
Als Ergebnis aus den Workshops lagen unterschiedliche technische Konzepte für einen Ausbau vor, die von einer Funkversorgung über einen „klassischen“ Fiber-to-the-Curb“-Ausbau bis zu Direktanbindungsansätzen mit Glasfaser oder Koaxialkabel. Mit den Erkenntnissen aus den Workshops wurde nach einem Vorschlag von Dr. Kaack in internen Diskussionen entschieden, die unterversorgten Wohngebiete im Kernstadtbereich über das Angebot einer Zuwendung zur Deckung einer Wirtschaftlichkeitslücke auszuschreiben. Auch für drei Gewerbegebiete sollte der Ausbau über den Ausgleich der Wirtschaftlichkeitslücke erfolgen. Dann wurden Gewerbegebiete ausgewählt, in denen ein NGA (Next-Generation-Access)-Netz aufgebaut werden soll. Hiermit wurde einerseits Neuland für Arnsberg betreten, andererseits der Grundstein für nachhaltige Zukunftssicherheit bei flexibler Auslegung der erforderlichen Bandbreiten gelegt.
Während der Ausbau gegen Ausgleich einer Wirtschaftlichkeitslücke bei vielen Breitbandprojekten bereits erprobt und erfolgreich umgesetzt wurde, gibt es für den Aufbau von NGA-Netzen in Gewerbegebieten noch nicht viele Vorbildprojekte. Aus Sicht der Stadt war klar, dass die eigene Leistung bei der Bereitstellung der passiven Infrastruktur im Sinne eines Kabelschutzrohres endet. Der Betrieb von aktiver Technik durch „Beleuchten“ einer Glasfaser erfordert zusätzliche Erfahrungen und Ressourcen. Selbst beim Einziehen einer unbeleuchteten Faser („Dark-Fiber“) können durch unterschiedliche Glasfasertypen Akzeptanzprobleme für die Nutzung eintreten. Die Beschränkung auf das reine Leerrohr bringt zudem den Vorteil, dass eine gewisse Technologie-Neutralität gewahrt bleibt, da sowohl Glasfaser als auch Koaxialkabel eingezogen werden können.
Damit der Bau der passiven Infrastruktur nicht zu einer längerfristig ungenutzten Investitionsruine führt, wurde entscheiden, vor der Ausschreibung für den Tiefbau und die Leerrohr-Verlegung nach späteren Nutzern zu suchen. Hierfür wurde eine öffentliche Ausschreibung durchgeführt, die der Suche des aus wirtschaftlicher Sicht für die Stadt attraktivsten Betreibers diente. Neben den wirtschaftlichen Aspekten wurden Kriterien für die Angebotsauswahl aufgestellt, die helfen sollen, das technische und betriebliche Konzept des Betreibers sowie die Nachhaltigkeit der Lösung im Vergleich zu bewerten.
Neben attraktiven Konzepten zum Ausbau mit Glasfaser bis zum Hausanschluss (Fiber-to-the-Building) wurde die Verlegung von Koaxialkabeln durch die Leerrohre vorgeschlagen. Im Hinblick auf die Wirtschaftlichkeit ist dieses Konzept für die Stadt Arnsberg das günstigste und auch für die Unternehmen stellt die Preisstellung eine attraktive Alternative zu anderen Geschäftskundenprodukten dar. Nach der Bewertung der Angebote fiel die Entscheidung der Stadt zugunsten des Koaxialkabel-Angebots von Unitymedia. Die Nutzung von DOCSIS 3.0 für Geschäftskunden-Produkte stellt ein Novum für beide Seiten dar, bislang gibt es keine Erfahrungen zur Akzeptanz von DOCSIS-Diensten bei Unternehmen. Hohe Bandbreiten im Downstream (128 MBit/s) und im Upstream (5 MBit/s) in Verbindung mit vergleichsweise niedrigen Preisen lassen insbesondere bei Gewerbebetrieben und mittelständischen Unternehmen hohe Akzeptanz erwarten. Die Nachteile fehlender symmetrischer Bandbreiten und der noch nicht verfügbaren festen IP-Adressen trifft in erster Linie größere Unternehmen. Die Mehrzahl von diesen hat allerdings bereits einen Glasfaser-Direkt-Anschluss. Der Pilotversuch und sein Ergebnis werden Auswirkungen auf die Weiterentwicklung von Geschäftskunden-Produkten haben.
Nach der Entscheidung für einen Nutzer der Leerrohre konnten im nächsten Schritt die Tiefbauarbeiten und die Verlegung der Leerrohre ausgeschrieben werden. Rechtzeitig vor dem 31.12.2010 konnte somit sowohl die Nutzung der Leerrohre als auch die Verlegung vergeben werden. Die Fertigstellung wird rechtzeitig vor dem Ende des Jahres 2011 sein, so dass auch die Voraussetzungen einer Förderung nach dem Zukunftsinvestitionsgesetz erfüllt werden.
Auch auf die Ausschreibungen der beiden unterversorgten Wohnviertel und von drei Gewerbegebieten für einen Ausbau gegen Ausgleich einer Wirtschaftlichkeitslücke stieß auf Interesse bei Betreibern, wenn auch in geringerem Ausmaß als bei der Ausschreibung der NGA-Netze. Auch in diesem Fall erhielt Unitymedia den Zuschlag für alle Losgebiete. Die erforderlichen Tiefbaumaßnahmen erfolgen in diesem Fall im Rahmen der Wirtschaftlichkeitslücke durch den Betreiber. Als Ergebnis ergibt sich eine fast flächendeckende Versorgung in Arnsberg durch Unitymedia.
Neben dem Ausbau der Wohn- und Gewerbegebiete wurde bei der Konzeption auch die Vernetzung der drei Standorte des Klinikums Arnsberg als eine Maßnahme identifiziert. Zur Intensivierung der Zusammenarbeit und einer Ausweitung der Arbeitsteilung wird eine breitbandige und symmetrische Vernetzung der Krankenhäuser im Bereich von mindestens 800 MBit/s erforderlich. Da die drei Standorte relativ weit verteilt im Stadtgebiet liegen ist eine direkte Vernetzung nicht unkompliziert. Als Übertragungstechnologie kommen in diesem Bandbreitenbereich nur eine Glasfaserverbindung oder Richtfunk in Betracht. Allerdings gibt es keine durchgehende Leerrohrstrecke zwischen den Krankenhäusern, die zum Einziehen von Lichtwellenleiter geeignet wären. Auch eine direkte Sichtverbindung ist aufgrund der Topographie nicht gegeben, so dass auf jeden Fall Relaisstationen erforderlich werden.
Da die Breitbandverbindung für den laufenden Betrieb genutzt werden sollen, wird neben der Primärvernetzung ergänzend eine physikalisch getrennte Backup-Lösung mit mindestens 100 MBit/s angestrebt. Der Betreiber soll über eine öffentliche Ausschreibung erfolgen und die Finanzierung einer Deckungslücke über das Zukunftsinvestitionsgesetz erfolgen. Die entsprechend durchgeführte Ausschreibung ist auf vergleichsweise großes Interesse gestoßen und es wurden Angebote mit einer Umsetzung mittels Richtfunk und Glasfaser abgegeben. Die eingereichten Konzepte waren durchweg gut ausgearbeitet und hochwertig. Die Auswertung der Angebote hat nicht zuletzt unter Würdigung der sehr unterschiedlichen Investitions- und Betriebskosten eine Entscheidung zugunsten des Angebots von Innofactory ergeben. Da die vorhandenen Budget-Mittel nicht für die Beauftragung von physikalisch getrennten Lösungen ausreichen, wurde nur die Richtfunklösung beauftragt. Mit der Lösung von Innofactory wird durch die Verwendung von unterschiedlichen Polarisationen für die Übertragung in zwei unabhängigen Systemen eine erhebliche Steigerung der Verfügbarkeit erreicht. Im Normalbetrieb arbeiten beide Systeme ergänzend. Fällt eines der Systeme aus, verbleibt immerhin noch die Hälfte der Bandbreite für einen Notbetrieb.
Die für Arnsberg umgesetzten Maßnahmen sind ein gutes Beispiel dafür, was im Rahmen des Konjunkturpakets zur Verbesserung der Breitbandinfrastruktur möglich war. Dank der Umsicht des Bürgermeisters von Arnsberg konnten in vorbildlicher Weise Maßnahmen umgesetzt werden, die insbesondere die Attraktivität von Arnsberg als Wohn- und Wirtschafts-Standorts nachhaltig absichert.
von Dr. rer. nat. Jürgen Kaack (TelecomDE.com, weitere Informationen zum Autor)
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Nice, so muss das sein!
Ich hoffe, dass sich andere daran ein Beispiel nehmen!