Glasfaser als neue Erlösquelle für Stadtwerke?
Stadtwerke – die Telekommunikationsanbieter der Zukunft?
Seit Ende 2009 haben die Berichte über Glasfaser-Aktivitäten von Stadtwerken in Deutschland vehement zugenommen. Der besondere Fokus der Diskussion liegt dabei auf glasfaserbasierten breitbandigen Internetzugängen für Privatkunden und nicht mehr nur für Geschäftskunden. Haupttreiber sind erst- malig nicht mehr die klassischen Telekommunikations- und Kabelnetzbetreiber, sondern die Energie- versorger. Zahlreiche deutsche Stadtwerke prüfen gegenwärtig die Errichtung eigener Glasfasernetze im Wettbewerb zu den vorhandenen Kabel- und VDSL-Netzen in ihrem Konzessionsgebiet. Neben der Frage, ob die Errichtung einer Glasfaserinfrastruktur im eigenen Verbreitungsgebiet grundsätzlich sinn- voll ist, stellt sich für die Stadtwerke auch die Frage, auf welcher Wertschöpfungsebene sie sich betä- tigen sollen, sofern die Grundsatzentscheidung für die Errichtung der Glasfaserinfrastruktur positiv aus- fällt. Es ist zwischen den folgenden drei Ebenen der Wertschöpfung zu differenzieren:

Aufgrund der bereits vorhandenen Tiefbauaktivitäten in ihrem Kerngeschäft liegt eine Betätigung von 2 Stadtwerken auf der ersten Ebene der Wertschöpfung, also der Infrastrukturebene sehr nahe. Anders sieht es jedoch auf den anderen Ebenen der Wertschöpfung, bei dem Betrieb der aktiven Infrastruktur und der Diensteebene aus. Die hierfür erforderliche Expertise ist bei den meisten Energieversorgern nicht bzw. nur eingeschränkt vorhanden. Dennoch stellt sich insoweit die Frage, ob die Errichtung einer neuen Telekommunikationssäule neben dem bisherigen Kerngeschäft eine sinnvolle Ergänzung zur ge- genwärtigen Marktpositionierung darstellt. Die hierfür erforderliche Kompetenz kann schließlich auch extern beschafft werden.Der Frankfurter Glasfasertag
Mit der Fragestellung, ob FTTB/H eine neue Erlösquelle für Stadtwerke darstellt, befasste sich der Frankfurter Glasfasertag, der am 28. April 2010 von der KPR Capital GmbH in Kooperation mit der WV Energie AG für deutsche Stadtwerke ausgerichtet wurde. Gemeinsam mit Dr. Peter Knauth, dem für Grundsatzfragen für Telekommunikation zuständigen Ministerialrat aus dem Bundeswirtschafts- ministerium, Benedikt Kind, dem Geschäftsführer des Bundesverband Glasfaseranschluss e.V. (BUGLAS), Werner Hanf, dem CEO von NetCologne und Volker Becker von der Conlinet-Gruppe, die versucht, einen Ruhrgebietsanbieter zu etablieren, diskutierten die Teilnehmer mit Geschäftsführern und Führungs- kräften aus dem Energiesektor die Rahmenbedingungen und verschiedenen Anbietervarianten beim FTTX-Ausbau in Deutschland. Auch wenn das BMWi regulatorisch zur Technologieneutralität ver- pflichtet ist und deshalb nicht allzu offensiv für einen Ausbau der Glasfaserinfrastruktur in Deutsch- land werben durfte, um nicht den Protest der Kabelnetzbetreiber und der Deutschen Telekom herauf- zubeschwören, die ihre Investition in ihr VDSL-Netz konterkariert sehen könnte, waren sich alle Refe- renten einig, dass Glasfaser die Infrastruktur der Zukunft ist und es mittelfristig hierzu keine Alter- native geben wird. Der stetig steigende Bandbreitenbedarf wird mit den vorhandenen Infrastrukturen nicht zu decken sein.
Notwendigkeit eines Glasfaserausbaus in Deutschland
Die Notwendigkeit des Glasfaserausbaus in Deutschland wird vorrangig durch die Endkundennachfrage nach mehr Bandbreite bestimmt. Der Hauptgrund hierfür besteht in der verstärkten Nutzung parallel laufender Online-Anwendungen durch die Endkunden. Hierbei kann es sich sowohl um parallele Hinter- grundanwendungen wie beispielsweise Videokameras und Internet PVRs oder auch parallele aktive Nut- zungen handeln wie beispielsweise das Durchführen einer Internetrecherche mit gleichzeitiger Nutzung von Internetradio. Anders als in der Vergangenheit stehen dabei auch bei den Privathaushalten nicht mehr nur Downstream-Nutzungen im Vordergrund, sondern zunehmend auch Anwendungen, welche gleichermaßen eine hohe Upstream-Kapazität erfordern.
Bei derartig verändertem Endkundenverhalten wer- den auch die Grenzen der Wettbewerbsinfrastrukturen sehr schnell manifest. Keine andere Infrastruktur, weder das Kabel, noch die (V)DSL- Infrastruktur bietet mittelfris- tig ausreichende Upstream- Kapazitäten.
Aber auch die Grenzen der Downstream-Kapazitäten der Wettbewerbsinfrastruk- tur wurden sehr deutlich: So stellt der Download von großen HD-Videos auf der Basis einer DSL-Infrastruktur bzw. auf der Basis eines Docsis 2.0 Kabelnetzes kein realistisches Nutzungs- szenario für Endkunden dar. Ein Glasfaserausbau geht auch mit den Zielen der Bundesregierung einher, 75% der Bevölkerung bis Ende 2014 mit einen breitbandigen Internetzugang von mindestens 50 MBit/s versorgen zu wollen.
Selbst LTE-Netze, für die am 20. Mai gerade die Frequenzen an die vier bestehenden Mobilfunknetz- betreiber versteigert wurden, wurden einhellig als ergänzende, nicht aber als substituierende Infra- struktur bewertet. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass die effiziente Nutzung von LTE- Netzen nur dann möglich ist, wenn die entsprechenden Backbone-Kapazitäten zur Verfügung stehen. Hierfür bieten sich die geplanten Glasfasernetze an.
Auch ein Blick über die Grenzen Deutschlands hinaus bestätigt diesen Trend. Der FTTB/H-Anteil in Europa wächst stetig. In sechs Ländern Europas nutzen bereits 10% der Haushalte FTTH/B; in vier dieser Länder liegt der Marktanteil bereits bei mehr als 15%. Auch in diesen Ländern – ebenso wie es sich jetzt in Deutschland ankündigt – haben Energieversorger eine bedeutende Rolle bei der Errichtung der Glas- faserinfrastruktur übernommen.
Geschäftsmodelle bei der Vermarktung von Glasfaserinfrastrukturen
Die einhellig erkannte Notwendigkeit einer flächendeckenden Glasfaserinfrastruktur führt auch dazu, dass sich in Deutschland bereits mehr als 700 Kommunen in irgendeiner Form mit dem Thema befassen. Im Regelfall wird die Umsetzung aber bei dem kommunalen Energieversorger und nicht bei der Stadt selber gesehen. Bei der Errichtung, dem Betrieb und der Vermarktung von Glasfaser sind im Wesent- lichen die vier folgenden Anbietervarianten denkbar:
Während die erste Variante dem traditionellen Modell des Teilnehmernetzbetreibers entspricht, handelt es sich bei der zweiten Variante um ein vollständig entbündeltes Open Access-Modell auf jeder Wert- schöpfungsstufe. In der Praxis dürften aber weder Variante 1 noch Variante 2 häufig anzutreffen sein. Die erste Variante scheidet aus Sicht von Stadtwerken – mit Ausnahme der größeren, die auch die Erbring- ungen von Dienstleistungen für Dritte erwägen – häufig aus, weil es an der erforderlichen Betreiber- kompetenz mangelt. Die zweite Variante ist betriebswirtschaftlich im Regelfall nicht sinnvoll, weil es schwierig sein dürfte, auf der Basis desselben Stadtnetzes mehrere Betreibermodelle parallel profitabel umzusetzen. Die größten Realisierungschancen gibt es für die Varianten drei und vier. Allen Varianten ist jedoch gemein, dass auf der Diensteebene die Zugangs- und Diskriminierungsfreiheit gewahrt werden muss, um zugunsten des Endkunden Dienstevielfalt und stetige Innovation zu gewährleisten.
Erste Erfahrungen bei der Realisierung von FTTB-Stadtnetzen
Werner Hanf, der CEO von NetCologne, das als eines der ersten Unternehmen in Deutschland einen FTTB-Rollout startete und mittlerweile sowohl in Köln als auch in Aachen 100 MBit-Anschlüsse ver- marktet, machte den Teilnehmern des Glasfasertages deutlich, dass das Projektmanagement bei den Tiefbauarbeiten eine ganz andere Herausforderung ist, wenn eine gesamte Stadt erschlossen wird, als wenn nur Teilstrecken an Tiefbau abgewickelt werden. Was die möglichen Synergiepotenziale aus Mit- verlegungen im Kerngeschäft anbelangt, herrschte zwischen Werner Hanf und Volker Becker allerdings keine Einigkeit. Während Herr Becker diese bei bis zu 20% der Tiefbaukosten ansiedelte, sah Herr Hanf diese als eher vernachlässigenswert an.
Aufgrund der enormen Resonanz und der großen Nachfrage seitens der Teilnehmer der Veranstaltung entschieden sich die Veranstalter KPR und WV Energie zu der Etablierung eines Arbeitskreises FTTX, in dem künftig operative Themen im Zusammenhang mit der Umsetzung von Glasfaservorhaben bearbei- tet werden sollen. Dabei sollen u.a. Fragen der Finanzierung und der Standardisierung von Prozessen adressiert werden. Die konstituierende Sitzung des Arbeitskreises fand am 21. Juni in Frankfurt statt.
von Dr. Beate Rickert ist Geschäftsführerin der KPR Capital GmbH




