Studie: Breitbandausbau des deutschen TK-Netzes
3. Problemfall regionale Zugangsnetze
Flächendeckende Versorgung als Standortfaktor
Das Bewusstsein für den Bedarf an Breitbandanschlüssen hat sich seit 2008 deutlich weiterentwickelt und es dürfte mittlerweile unstrittig sein, dass eine gute und flächendeckende Breitbandversorgung ein wichtiger Standortfaktor für jede Kommune ist. Die politischen Diskussionen um das Konjunkturpaket II haben diesen Prozess weiter vorangebracht. Damit endet allerdings in vielen Fällen der Erkenntnisstand der Verantwortlichen in den Kommunen. Was konkret zu tun ist, mit wem zu sprechen, welche Technik zukunftssicher ist und welche Förderungen aus dem Konjunkturpaket II für den Breitbandausbau genutzt werden können, bleibt für manche Entscheider allerdings in einer diffusen Grauzone.
Weitverkehrsnetze
Betrachtet man die technischen Gegebenheiten, so stellt man fest, dass im Bereich der Weitverkehrsnetze (nationale Backbone-Netze) ausreichend Kapazität vorhanden und verschiedene Anbieter im Wettbewerb zueinander tätig sind. Hier liegt offensichtlich nicht das Problem für den Breitbandausbau in der Fläche. Im Bereich der Teilnehmeranschlussnetze finden sich in Deutschland durchweg Kupferdoppelader-Anbindungen und ergänzend je nach Region ein Koaxialkabel der Kabelfernsehnetze (Cable Television, CATV). Glasfaser-Anbindungen, wie sie in den Niederlanden oder in manchen asiatischen Ländern in steigendem Umfang eingesetzt werden, findet man in Deutschland nur in wenigen Modellprojekten. Statistisch gesehen ist Deutschland mit Fiber to the Home (FTTH) im letzten Drittel.
Anschlussnetze
Trotzdem ist es mit den vorhandenen Anschlussnetzen möglich, hohe Bandbreiten zu übertragen. Kabelnetzbetreiber erreichen vielerorts 32 MBit/s mit der zukünftigen Option, bis auf 100 MBit/s zu erweitern, mit ADSL sind derzeit 16 MBit/s möglich und das moderne VDSL-Netz der Deutschen Telekom ermöglicht je nach Entfernung vom Kabelverzweiger (KVz) 25 oder 50 MBit/s und überträgt diese ebenfalls über das herkömmliche Kupferanschlussnetz zum Nutzer. Für höhere Bandbreiten braucht man dann allerdings doch die Glasfaser-Anbindung bis zum Gebäude (Fiber to the Building, FTTB) oder bis in den Haushalt (FTTH). Trotzdem ist festzuhalten, dass das Anschlussnetz in aller Regel nicht den Engpass beim Breitbandausbau in der Fläche darstellt.
Diese Aussage gilt natürlich auch nur mit Einschränkungen. Denn ohne einen Ausbau der aktiven Übertragungstechnik im Anschlussnetz ist keine Breitbandübertragung möglich. In der Regel müssen die letzten aktiven Komponenten im Anschlussnetz, die Kabelverzweiger, technisch aufgerüstet werden. Dies ist mit zusätzlichen Investitionen verbunden, die der Anschlussnetzbetreiber (Access Network Operator, ANO) erbringen muss. Je nach Bevölkerungsdichte (und damit der Zahl der an einen Kabelverzweiger angebundenen Haushalte) kann auch dieser Ausbau für den Netzbetreiber unwirtschaftlich sein und es gilt, eine vorhandene Wirtschaftlichkeitslücke zu schließen.
Regionale Backbone-Netze
Das Problem für den Breitbandausbau in der Fläche ist in den meisten Fällen das regionale Backbone-Netz, mit dem das Weitverkehrsnetz und das Anschlussnetz verbunden werden. Hier sind die verfügbaren Bandbreiten heute oft zu gering, um eine höhere Bandbreite bis zum Anschlussnetz zu transportieren. Die regionalen Netze bestehen typischerweise aus Kupferkabelstrecken, deren Kapazität nicht erweitert werden kann. Hier bleibt oft nur der Ausbau des regionalen Netzes mit Glasfaserstrecken. Da dies in der Regel auch im überbauten Raum erfolgen muss, ist dieser Ausbau oft mit Baumaßnahmen verbunden. Sofern Kabelkanäle, Abwasserrohre oder Ähnliches verwendet werden, kann dies den notwendigen Aufwand reduzieren. Die Verlegung von Glasfaserstrecken in Abwasserkanälen (Fiber Access by Sewer Tube, FAST) befindet sich derzeit gerade in einem Pilotversuch.
Als Alternative zu Glasfaserstrecken kommen je nach Topografie auch Richtfunk- oder WiMAX-Verbindungen im regionalen Netz in Betracht. Eine Funkstrecke ist in der Regel kostengünstiger zu errichten, wenn topografische Hindernisse wie Flüsse, Straßen und andere Barrieren zu überwinden sind. Auch die direkte Anbindung einzelner Kabelverzweiger mithilfe von WiMAX-Strecken ist möglich und meistens schneller zu realisieren als eine Kabelbaumaßnahme. Allerdings gibt es an einigen Orten Widerstände gegen Funklösungen, auch wenn dies eigentlich fast immer unbegründet ist. Außerdem stellt eine Funkstrecke in einem regionalen Netz eine aktive Technikkomponente dar, die gemanagt werden muss.
Regionale Netze verbinden die Backbone-Trassen mit den Kabelverzweigern in den Ortsteilen (je Ortsteil ist in der Regel ein Kabelverzweiger vorhanden). Das Netz erhält somit zunächst eine Baumstruktur, die aufgrund der Verfügbarkeit und der Absicherung in Richtung einer Ringstruktur erweitert werden sollte. Ergänzend zu den eigentlichen Verbindungsstrecken ist eine Einrichtung zur Überwachung von Performance und Verfügbarkeit des regionalen Netzes vorzusehen.
Der Aufbau und der Betrieb eines regionalen Breitbandnetzes rentieren sich in der Regel nicht für eine einzelne Kommune. Wenn sich mehrere Kommunen zusammenfinden oder auf Kreisebene entsprechende Aktivitäten entwickelt werden, kann zumindest ein kostendeckender Betrieb erreicht werden. Es gibt verschiedene Modelle für den Ausbau der regionalen Netze. Nahe liegend ist der Ausbau durch einen der großen Netzbetreiber, der dies entweder vollständig allein finanziert oder durch Zuschüsse durch die Kommune mitfinanzieren lässt. Auf jeden Fall bleibt das regionale Netz dabei aber im Besitz des Netzbetreibers und die Kommune hat kein Mitspracherecht bei der Nutzung oder einem späteren Ausbau.
Eine andere Möglichkeit ist ein Joint Venture zwischen einem Netzbetreiber und einer Kommune – eine Private Public-Partnership (PPP). Finanzierung und Nutzungsrechte werden bei diesem Modell vertraglich geregelt. Alternativ kann die Betreibergesellschaft als hundert-prozentige Tochtergesellschaft agieren. Wenn die vorhandene Versorgung unzureichend ist und das eigentliche Endkundengeschäft an Kooperationspartner vergeben wird, ist dies meistens auch mit dem kommunalen Versorgungsauftrag verträglich. Eine solche Konstellation kann von den unterschiedlichen Abschreibungszeiträumen profitieren, die für öffentliche Infrastruktureinrichtungen (bis zu 20 Jahre) möglich sind – im Vergleich zu den Kalkulationszeiträumen von vier bis fünf Jahren, die ein privatwirtschaftlich arbeitender Betreiber ansetzen muss. Bei den kurzen Abschreibungszeiträumen rechnen sich regionale Netze in dünner besiedelten Regionen mit marktüblichen Preisen nur in Ausnahmefällen.
Neben wirtschaftlichen Aspekten spricht auch die Zukunftssicherheit für eine Lösung auf öffentlicher Basis. Das weitere Wachstum im Breitbandbedarf ist unbestritten. Es ist daher absehbar, dass die derzeitigen Kupferanschlussnetze nur für eine begrenzte Zeitdauer ausreichen werden. Danach wird nur noch mit Glasfaseranschlussnetzen eine ausreichende Bandbreite bereitzustellen sein.
- Wachsender „Breitband-Hunger“
- Breitbandausbau erfolgt nicht als Selbstzweck
- Problemfall regionale Zugangsnetze
- Ablauf eines Breitbandprojektes im ländlichen Raum
- Ziele und Realität beim Breitbandausbau klaffen auseinander
- Förderung heute auf „schmalbandigen“ Breitbandausbau begrenzt
- Techniken für eine zukunftssichere Breitbandversorgung
- Breitbandausbau in der Fläche braucht neue Geschäftsmodelle
- Politische Rahmenbedingungen zur Zielerreichung anpassen
- T-City als Beispiel für Veränderungen durch Breitbandanwendungen
- Fazit






Ein wirklich wunderbarer Beitrag von Herrn Dr. Jürgen Kaack! Eine wirklich ganzheitliche Betrachtung des deutschen Breitbandmarktes. Großes Kompliment,…