Telekommunikationsbranche – Es ist Zeit sich zu entscheiden,…
Die ersten warmen Sonnenstrahlen des Jahres scheinen in meine Wohnung, neben meinem MacBook steht eine heisse Tasse Kaffee, und ich lese im Google Reader die aktuellen Nachrichten “Commerzbank Chef rechnet mit langer Staatsbeteiligung, AIG braucht weitere Milliardenhilfen, Beck bringt Staatsbeteiligungen bei Opel ins Spiel, Überleben an der Crash-Börse, Starbucks muss viele Filialen schliessen”. Gerade die letzte Meldung trifft mich persönlich sehr hart, aber gleichzeitig frage ich mich, ob die Telekommunikationsbranche nicht auch betroffen sein kann.
Ein Peak in Deutschland scheint erreicht zu sein. Werden wir die gleichen schweren Veränderungen wie der weltweite Finanzmarkt durchlaufen müssen? Vielleicht. Denn es ist fraglich, ob unsere bestehenden Business-Modelle wirklich noch zeitgemäß sind.
In den letzten Tagen und Wochen haben viele schlaue Leute erklärt, dass man wieder zurück zu den klassischen und bodenständigen Bankprodukten kommen muss, um die Krise zu überstehen. Die längst vergessenen Bankprodukte von gestern gewinnen wieder an Wert, und viele Banken schätzen wieder den soliden Privatanleger mit Micro-Anlagen und verzichten auf das globale Investment. Die bestehenden Modelle der Banken sind völlig gescheitert. Hollywood versucht mit allen Mitteln P2P Ideen zu sprengen oder Video-on-Demand Anbietern mit geringen Verleihpreisen das Leben schwer zu machen. Das Argument der großen Hollywood Studios, dass es mit solchen Modellen nicht möglich sei, gute Filme auf den Markt zu bringen, und ein solcher Film eben mehrere Millionen kosten muss, führt der aktuelle Film Slumdog Millionaire ad absurdum. Mit etwa 10 Prozent der üblichen Produktionskosten ist ein wundervoller Film entstanden, der weltweit vor den Hollywood Filmen Preise abstaubt. P2P ist nicht der Grund für die Gewinneinbrüche der Studios. Es sind die völlig gescheiterten und übertriebenen Modelle, aktuelle Filme zu produzieren.
Sind wir die Nächsten?
Ich denke, die Telekommunikationsbranche steht an einem ähnlichen Punkt wie die Finanzmärkte und die Entertainment Branche vor ein paar Jahren, mit dem entscheidenden Unterschied, dass sie aus den Krisen der anderen lernt. Seit knapp einem Jahrhundert geht es der Branche prächtig, und ein Drittel der Weltbevölkerung hat die Möglichkeit, Telekommunikationsdienste in Anspruch zu nehmen. Genauso wie die Banken oder die Hollywood Studios möchten die Telekommunikations-Anbieter nichts ändern, denn das Geld fliesst. Fast 1000 Prozent Profit für eine SMS, fast ohne Kosten im eigenen Netzwerk, sind unglaublich. Das möchte man natürlich nicht ändern, und Kontrollorgane, analog wie im Bankenbereich, möchten das ebenfalls nicht entscheidend ändern, denn auch diese leben nicht schlecht davon. Nun haben wir das mobile Internet und die dazu nötigen Datentarife entdeckt – und es geht weiter in der Margenschlacht.
Die Finanzkrise könnte ein Segen für die Telekommunikationsbranche sein. Die noch lachenden Banken haben sich auf Kleinkredite oder lokale Engagements spezialisiert und zeigen hier soziale Kompetenz. Auch für unsere Branche gibt es noch zwei Drittel der Weltbevölkerung, die gerne die Produkte für kleines Geld nutzen würden. Stattdessen versuchen wir wie die Filmindustrie unsere 1000-Prozent-Margen zu schützen und stemmen uns mit Einschränkungen der Dienste (z.B. VoIP- und Instant Messaging Sperrungen) gegen neue Modelle und Ideen. Skype terminiert trotz vieler Hürden der klassischen Telcos bereits über 5 Prozent aller internationalen Telefonate und besitzt noch nicht einmal eine richtige Firmenzentrale.
Die Telekommunikationsbranche hat die Möglichkeit, die komplette Gesellschaft zu verändern, wenn sie nicht die gleichen Fehler wie andere Branchen macht und neue Wege geht. Langfristigen Erfolg werden die sozialen Unternehmen und Investoren haben, die verstehen, dass es nicht nur profitabler ist die restlichen zwei Drittel der Weltbevölkerung mit Micro-Business-Modellen zu beliefern, sondern auch die gesamte Gesellschaft mit realistischen Preisen in eine offene und moralisch bessere Informationsgesellschaft zu führen.
von Jonas da Coll (TelecomDe.com, weitere Informationen zum Autor)



Das nenne ich ja mal einen genialen Post! Sie sprechen mir aus der Seele, ich arbeite bereits seit über 10 Jahren bei Big Magenta. Daumen hoch!
traurig aber wahr